mai, 2022

This is a repeating event

16mai22h1522h30Beten22h15 - 22h30 Animateur: Sabine Gerlach Émission:Eglise allemande

Résumé de l'émission

Bonsoir und herzlich willkommen, hier bei Fréquence Protestante zur monatlichen Andacht der deutschen evangelischen Christuskirche Paris mit (den Mitgliedern des Kirchenvorstands) Sabine Gerlach als Sprecherin und Christian Ritter als Autor. Zur Nachösterlichen-Zeit, in die der Sonntag Rogate und Pfingsten fallen bietet sich das Thema Beten direkt an.

Warum tun wir es uns mit dem Beten oft so schwer? Liegt das daran, dass Beten zu den noch wenigen Tabus gehört, die man nicht brechen möchte – oder vollzieht sich da gerade in unserer momentan vom Covid 19 und dem Ukraine Krieg gebeutelten Zeit ein Wandel? Gefahren, Bedrohungen lösen Lebensängste aus, welche ihrerseits uns in die Hilfesuche stürzen, welche ihren Ausdruck u.a. in den verschiedensten Gebetspraktiken findet, und dies seit Urzeiten und in allen Religionen. Die Flucht ins Gebet ist da keine Seltenheit. Aus allen Religionen, von allen Kontinenten und über die verschiedensten Medienkanäle steigen momentan unzählige Gebete gen Himmel. Ob wir in der bedrohlichen Lage das Beten gelernt haben und das Tabu Beten nun abnimmt, ob diese Gebetspraktiken auch Bestand haben oder mit dem Abklingen der Bedrohungen verschwinden werden, ist eine Frage, die wir wohl erst in einigen Jahren beantworten können.                                         -1-

Wir können davon ausgehen, dass Menschen aus allen Schichten und allen Jahrhunderten an der Wirksamkeit der Gebete zweifelten und kein Bedürfnis zu innerer Ruhe durch das Gebet empfanden. Unbeholfenheit, Angst, sich lächerlich zu machen, Scham- oder Minderwertigkeitsgefühle, der Vorwand, keine Zeit und Ruhe dazu zu haben, die Überzeugung, es gebe keinen Gott, und wenn doch, so würde das Beten doch nichts ändern; sind dies alles Vorwände zum Nicht-Beten.

Unser Bibelverständnis und auch unser gesunder Menschenverstand sagen uns, was unter Beten  NICHT verstanden werden kann. Ich spiele hiermit auf das an, was Jesus uns ermahnend sagt – wir sollen uns weder wie Scheinheilige noch wie Heiden gebärden, unsere Gebetspraxis nicht zur Schau stellen oder auf Gott Druck ausüben wollen, um ihm unsere Wünsche aufzudrängen.[1] Das Gebet ist keine Quelle transzendentaler Energie, auch kein Zustrom metaphysischer Kräfte – „Paganismus“ nennt dies Jesus. Er missbilligt die fälschliche Vorstellung eines langbärtigen, im Himmel schlummernden Gottes, den man endlich wachrütteln müsste. Ziel unseres Betens kann also doch nicht sein, einen vermeintlich tauben, stummen, blinden und apathischen Gott zu bewegen.

Warum sollen wir dann aber beten, wenn wir selbst bei überfrommen Gebärden nicht mehr von ihm erhalten? Und selbst wenn wir alle negativen Gebetspraktiken ausschlössen, gäbe es da noch einen Grund, es dennoch zu tun?

Musique 2:

Samuel Barber – Adagio for strings – Wiener Philhatmoniker

www.youtube.com/watch?v=WAoLJ8GbA4Y; 0:10 -01:03 ou plus

Für meinen Doktorvater André Dumas gab es hierfür nur eine einzige Antwort: „Gott wünscht, dass der Mensch mit ihm redet, genauso wie ein Freund mit einem Freund redet, in dieser Kenntnis, „von Angesicht zu Angesicht‘, wie es bei Moses mit Gott der Fall war.“[2]

Sprach André Dumas vom Gebet, so benutzte er das umgangssprachliche Wort „causer“ – plaudern, das gut dem Wesen des Gebetes entspricht, da es sich nicht der Feierlichkeit der Formel und einem Ritus, sondern dem fortwährenden Kontakt unterwirft.-2-                                                                                  Beim Plaudern breitet man sein Leben mit seinen großen und kleinen Sorgen aus, fühlt sich in dieser Intimität geborgen, fühlt sich wohl verstanden. Eine Causerie ist keine Rede, keine Erklärung, oder Ermahnung, auch kein Geplapper; sie ist bedächtiges Reden, ein gemütlicher Gedankenaustausch, bisweilen aber auch ein Infragestellen oder zusammenhangloses Huschen über dieses und jenes. Es gibt da keine Regeln, es gibt da themenbedingte Schwankungen. Die Causerie hat aber nur dann einen Wert, wenn sie ehrlich, offen und rücksichtsvoll ist.

Interaktion zwischen Gott und mir findet da statt. Anerkennung, Fragen, Lob, Bitten und Klagen haben hier ihren Platz. Beten ist keine Einbahnstraße, es ist ein Hin und Her, ein Austausch. Bisweilen muss ich nur genau hinhören, um zu verstehen, muss still sein können, in mich hineinhören, Gottes Wort entziffern.

Tragen die Psalmen nicht auch diesen Zug der Causerie? Erstaunlich, in welch forschem Ton sie überschwänglich jubeln, herzzerreißend klagen, bitter anklagen und protestieren, und dies ist nur dank der Vertrautheit möglich. Der Psalter ist ein Buch von Gebeten aus Phasen der Anbetung, des Flehens und Bittens, des Trauerns, Verzweifelns, Haderns und Jubelns, eine Sammlung unvorhersehbarer Gespräche.

Sind wir nicht bereit, uns zu wundern, überraschen zu lassen, dankbar zu sein, wie Kinder zu vertrauen, so wird es nie zu einem Zwiegespräch kommen. Sorgen, Nöte und Ängste stehen im Wechsel mit Freuden und Glück. Dieses Zwiegespräch beginnt selten stürmisch, oft vorsichtig, zögernd, sich herantastend setzt der Betende an, mit unsicherer Stimme.

Das abschließende Amen ist nicht unbedingt eine Schlussfolgerung, sondern kann der plötzliche Entschluss sein, abzuschließen. Es ist das Soweit des Redenden, der aufhört, da sonst sein Gespräch sich in Geschwätz verwässern und somit die Kommunikation ersticken würde. Amen, ja, so ist es, so reicht es.

Ich möchte mit dem Gesagten nicht den Eindruck erwecken, beten müsste gelernt werden. Wer beten kann, darf glücklich sein und all das Gesagte vergessen. Das Gebet ist nicht unabdingbar; sonst würden wir daraus eine mysteriöse, die Gebetsfreiheit des Individuums einschränkende Pflicht machen. Das eingangs erwähnte unmögliche Gebet gibt es nicht wirklich.

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Das Gebet ist möglich, es erfordert keine Voraussetzungen, muss nicht gelernt werden, hat keine festen Regeln, verlangt weder theologische noch rituelle Kenntnisse. Es passt sich der inneren Stimmung und den äußeren Ereignissen an und lässt bisweilen ein InSichGehen zu. Das Gebet ist möglich für jeden, der über sein Leben, seine Freuden und sein Leid, über das Schöne und Hässliche in der Natur und im Mitmenschen sich austauschen möchte, kurz, all das, was uns durch den Kopf geht und was uns bewegt. Zum Beten gehört auch, dass man seine Freude mit Gott teilt, dankt und lobt. Das Gebet gibt uns Selbstsicherheit vor Gott, es gibt Halt und befreit von Unsicherheit. Im Gebet gilt das Gesagte, wobei wir keine Angst haben müssen, plötzlich zu verstummen. Bei Johannes 16, 33 heißt es: „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Gerade jetzt, wo wir vom Krieg bedroht sind, dürfen wir Angst haben, sollen aber gleichzeitig wissen, dass wir in Gottes Hand sind.  Er hat die Welt überwunden; sie muss nicht bleiben, wie sie ist; er hat das letzte Wort. Zum Leben in dieser Welt brauchen wir Geduld, um die Hoffnung nicht zu verlieren, und die Ungeduld, die Dinge zu ändern, wobei das Gebet Stütze sein kann. Haben wir etwas mehr Vertrauen in die Möglichkeiten und die Kraft der Causerie mit Gott.

Und so gehen wir nun hin in die Nacht im Frieden des Herrn. Der Herr segne Dich und behüte Dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir Frieden. Amen

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